Blogreihe »Sicherheit neu denken, Resilienz stärken«
Anfang Februar 2024 machte AnyDesk einen Angriff auf seine Produktionssysteme öffentlich. Heise berichtet, dass nach Einschätzung der französischen Cybersicherheitsbehörde ANSSI die Angreifer jedoch bereits seit Ende Dezember 2023 Zugriff auf die Systeme gehabt haben könnten. Laut BSI melden öffentliche Quellen, dass auch Quellcode sowie Zertifikate zum Signieren von Software abgeflossen seien. Für Kunden ist das keine Kleinigkeit. Mit solchen Zertifikaten lässt sich Schadsoftware im schlimmsten Fall ein seriöser Anstrich verpassen.
Der Fall zeigt, dass zwischen einem Einbruch und seiner öffentlichen Bekanntgabe mehrere Wochen liegen können. Für Organisationen, die einen solchen Fernzugriffsdienst einsetzen, entsteht dadurch eine schwierige Frage: Wie lassen sich mögliche Veränderungen der Sicherheitslage eines Lieferanten frühzeitig erkennen?
Spannend ist für mich an diesem Fall folgendes: öffentliche Hinweise darauf, dass bei diesem Anbieter etwas nicht stimmt, gab es schon mindestens seit Ende Januar 2024. Nutzer berichteten über Auffälligkeiten, in Security-Blogs wurde diskutiert, offizielle Aussagen und beobachtetes Verhalten ließen Fragen offen. Wer unterschiedliche öffentlich verfügbare Signale beobachtete und miteinander verband, hätte zumindest früher hellhörig werden können.
Einmal sicher, immer sicher?
Bei der Auswahl von Lieferanten betreiben Unternehmen einen erheblichen Aufwand. Es werden Fragebögen verschickt, Zertifikate geprüft, eventuell sogar Audits durchgeführt, Vertragsklauseln vereinbart und Risiken bewertet. Hat der Lieferant die Prüfung bestanden, wird er beauftragt. Damit ist das Thema zunächst erledigt.
Das Problem dabei: Cyberrisiken halten sich nicht an Auditzyklen. Ein Lieferant, der im Januar alle Anforderungen erfüllt, kann im März eine kritische Schwachstelle in einem seiner Produkte haben. Im Mai tauchen erste Exploits auf. Im Juli warnt eine Behörde vor aktiven Angriffen und im September stellt sich heraus, dass Angreifer bereits seit Monaten in Kundensystemen unterwegs sind. Der Fragebogen vom Januar kann trotzdem vollkommen korrekt ausgefüllt worden sein.
Genau dieses Problem haben wir in unserem Paper »Gap Analysis of Supplier Evaluation Processes in Critical Infrastructure Security« anhand realer Vorfälle bei Cisco Webex, Ivanti, SolarWinds, MOVEit und AnyDesk untersucht. Dabei treten immer wieder ähnliche Schwächen auf: Lieferanten werden zu selten kontinuierlich beobachtet, bekannte Schwachstellen und deren Entwicklung werden nicht ausreichend berücksichtigt und Informationen über Sicherheitsvorfälle erreichen Kunden teilweise spät oder unvollständig. Die Frage ist also nicht nur, wie wir Lieferanten bewerten. Wir müssen uns auch fragen, wann und wie oft wir sie bewerten.
Was hätte man vorher wissen können?
Bei vielen Sicherheitsvorfällen stellt sich hinterher heraus, dass es durchaus Warnsignale gab. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich ein späterer Angriff hätte vorhersagen lassen. Eine bekannte Schwachstelle führt nicht zwangsläufig zu einem erfolgreichen Angriff, und ein Hersteller mit vielen veröffentlichten CVEs ist nicht automatisch unsicherer als einer mit wenigen. Vielleicht wird bei dem einen genauer gesucht, vielleicht kommuniziert er transparenter oder seine Produkte werden aufgrund ihrer großen Verbreitung häufiger untersucht.
Die reine Zahl der Schwachstellen ist deshalb für sich genommen wenig aussagekräftig. Interessanter wird es, wenn man Entwicklungen über einen längeren Zeitraum betrachtet und unterschiedliche Informationen zusammenführt: Häufen sich kritische Schwachstellen? Werden sie aktiv ausgenutzt? Wie schnell reagiert der Hersteller mit Patches? Treten bestimmte Fehler immer wieder auf? Und wie offen kommuniziert ein Lieferant, wenn tatsächlich etwas passiert?
Gerade der letzte Punkt wird aus meiner Sicht häufig unterschätzt. Wenn ich einen sicherheitskritischen Dienst einkaufe, verlasse ich mich nicht nur auf die technische Qualität eines Produktes, sondern im Ernstfall auch darauf, dass der Lieferant einen Sicherheitsvorfall erkennt, vernünftig darauf reagiert und mich rechtzeitig informiert. Das schönste Zertifikat hilft wenig, wenn ich erst aus der Zeitung erfahre, dass mein Dienstleister seit Wochen kompromittiert ist und noch einen privilegierten Fernzugang auf meine Systeme besitzt.
Die Versuchung ist trotzdem groß, leicht verfügbare Kennzahlen einzusammeln und daraus einen einfachen Score zu berechnen: Anzahl der CVEs, Schweregrade, bekannte Sicherheitsvorfälle – fertig ist die rote, gelbe oder grüne Ampel. So einfach sollte man es sich nicht machen. Entscheidend ist das Gesamtbild und dessen Entwicklung über die Zeit.
Dazu gehören auch nichttechnische Informationen. Unternehmen wachsen, kaufen andere Firmen zu, bauen Personal ab oder geraten wirtschaftlich unter Druck. Keine dieser Entwicklungen bedeutet automatisch, dass die Cybersicherheit schlechter wird. Bei einem Lieferanten, von dem ein kritischer Geschäftsprozess abhängt, können sie aber ein guter Grund sein, genauer hinzuschauen.
Der Lieferant meines Lieferanten
Noch komplexer wird die Sache, wenn man berücksichtigt, dass der eigene Lieferant häufig selbst von weiteren Lieferanten abhängig ist.
Der MOVEit-Vorfall aus dem Jahr 2023 liefert dafür ein schönes – beziehungsweise unschönes – Beispiel. Eine Schwachstelle in der Dateiübertragungssoftware MOVEit des Herstellers Progress Software wurde massenhaft ausgenutzt. In Deutschland traf es unter anderem Majorel beziehungsweise dessen Dienst für den Kontowechsel. Darüber waren wiederum Kunden verschiedener Banken und Krankenkassen betroffen.
Aus Sicht einer betroffenen Bank war also nicht unbedingt der direkte Vertragspartner die eigentliche technische Ursache. Das Problem lag in einem Produkt, das dieser wiederum für seine Dienstleistung eingesetzt hatte. Supply Chain heißt eben tatsächlich Supply Chain.
Für die Lieferantenbewertung bedeutet das, dass wir zumindest bei besonders kritischen Dienstleistungen verstehen sollten, welche wesentlichen Abhängigkeiten dahinterstehen. Wenn ein Dienstleister Zugriff auf zentrale Systeme hat oder ein Ausfall seiner Leistung unmittelbar zu größeren Problemen führt, sollte man wissen, von welchen weiteren Produkten und Diensten diese Leistung wesentlich abhängt. Sonst bewertet man am Ende sehr gründlich den Lieferanten – und übersieht die Abhängigkeit, über die der Angriff tatsächlich kommt.
Das Internet weiß erstaunlich viel
Die gute Nachricht ist: Viele Informationen, die für eine kontinuierlichere Bewertung hilfreich wären, sind bereits öffentlich verfügbar.
Schwachstellendatenbanken zeigen, welche Sicherheitslücken in Produkten bekannt sind. Behörden veröffentlichen Informationen zu aktiv ausgenutzten Schwachstellen und Warnungen zu konkreten Angriffskampagnen. Hersteller veröffentlichen Advisories, Sicherheitsforschende analysieren Vorfälle, Fachblogs berichten über Auffälligkeiten und in Incident-Datenbanken lassen sich frühere Sicherheitsvorfälle nachvollziehen. Dazu kommen klassische Unternehmensinformationen, etwa zu größeren organisatorischen Veränderungen.
Diese Open Source Intelligence – kurz OSINT – also öffentlich verfügbare Informationen kann man systematisch sammeln, zusammenführen und so aufbereiten, dass sie für eine konkrete Fragestellung nutzbar werden.
Beim AnyDesk-Fall wäre ein einzelner Hinweis sicherlich kein Anlass gewesen, sofort die Fernzugänge zu kappen. Mehrere voneinander unabhängige Hinweise hätten aber möglicherweise dazu geführt, noch einmal nachzufragen, Zugriffe stärker zu überwachen oder vorsorglich zu prüfen, welche Abhängigkeiten vom Dienst tatsächlich bestehen.
Von der jährlichen Bewertung zur laufenden Beobachtung
Im Forschungsprojekt AEROKI untersuchen wir, wie öffentlich verfügbare Informationen genutzt werden können, um Zulieferer im Umfeld kritischer Infrastrukturen strukturierter und vor allem aktueller zu bewerten. Unterschiedliche Quellen werden dafür zusammengeführt, relevante Hinweise herausgefiltert und Veränderungen über die Zeit sichtbar gemacht. Der Ansatz setzt ausdrücklich auf eine kontinuierliche Betrachtung anstelle einzelner Prüfzeitpunkte.
Das klingt zunächst recht naheliegend. In der praktischen Umsetzung wird es allerdings schnell schwierig. Schon für einen einzigen großen Softwareanbieter können in kurzer Zeit zahlreiche Schwachstellenmeldungen, Herstellerinformationen, Blogbeiträge und andere Hinweise anfallen. Ein Betreiber kritischer Infrastrukturen hat aber nicht einen Lieferanten, sondern möglicherweise Hunderte oder Tausende. Wer versucht, all diese Informationen manuell zu verfolgen, braucht entweder sehr viel Personal oder sehr viel Optimismus. Automatisierung ist deshalb unvermeidlich.
Sie löst das Problem aber nur teilweise, denn mehr Daten bedeuten nicht mehr Sicherheit. Zu viele Warnmeldungen überlasten nur das Security-Team und im Zweifel, übersieht man was wirklich wichtig ist.
Kritisch für wen?
Entscheidend ist deshalb der Bezug zum eigenen Unternehmen. Nehmen wir an, bei einem Softwarehersteller wird eine kritische Schwachstelle bekannt. Unternehmen A verwendet dessen Produkt für eine interne Anwendung, die im Zweifel einige Tage ausfallen kann. Unternehmen B nutzt dasselbe Produkt für den Fernzugriff auf eine Anlage, deren Ausfall innerhalb weniger Stunden die Produktion stoppt. Die Schwachstelle ist dieselbe. Das Risiko ist es nicht.
Für eine sinnvolle Lieferantenbewertung müssen deshalb externe Informationen mit der eigenen IT- und OT-Landschaft verbunden werden. Welche Produkte des Lieferanten verwenden wir überhaupt? Wo werden sie eingesetzt? Welche Zugriffsrechte besitzt der Anbieter? Welche Geschäftsprozesse hängen davon ab? Gibt es Alternativen und welche Folgen hätte ein Ausfall?
An dieser Stelle schließt sich für mich auch der Kreis zum Assetmanagement (vorhergehender Blogbeitrag). Der Satz »You can’t protect what you don’t know« gilt für die Lieferkette genauso. Ich kann das Risiko eines Lieferanten nur sinnvoll bewerten, wenn ich weiß, wo und wofür ich ihn überhaupt brauche.
Viel Noise – aber was muss ich jetzt tun?
Mit Noise2Action (N2A) gehen wir deshalb noch einen Schritt weiter. Dort verbinden wir externe Threat-, Vulnerability- und Supply-Chain-Signale mit dem konkreten Kontext eines Unternehmens, also beispielsweise mit IT- und OT-Assets, Services und Geschäftsprozessen. Daraus sollen realistische Angriffspfade und vor allem nach möglichen Geschäftsauswirkungen priorisierte Maßnahmen abgeleitet werden.
Denn am Ende interessiert Sicherheitsverantwortliche nicht, dass irgendwo auf der Welt gerade die 10 000ste neue CVE-Nummer des Jahres veröffentlicht wurde.
Sie möchten wissen: Betrifft mich das – und muss ich jetzt etwas tun?
Wenn ein Lieferant kompromittiert wurde und noch einen Remote-Zugang auf meine kritische Produktionsanlage besitzt, sollte diese Information ziemlich weit oben auf meiner Liste stehen. Wenn eine schwerwiegende Schwachstelle dagegen ein Produkt betrifft, das ich gar nicht einsetze, kann die Meldung noch so dramatisch formuliert sein – für meinen Arbeitstag ist sie erst einmal weniger relevant.
Das klingt selbstverständlich, ist in der heutigen Security-Praxis aber keineswegs selbstverständlich. Viele Teams verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit, Informationen zusammenzutragen, zu prüfen und manuell zu priorisieren. Genau hier müssen wir durch Automatisierung besser werden. Klassische Lieferantenbewertungen werden nicht verschwinden und sie sollten es auch nicht. Aber wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir Cyberrisiken mit einer Prüfung für längere Zeit abhaken können.
Die Sicherheitslage eines Lieferanten kann sich innerhalb weniger Tage ändern. Gleichzeitig stehen heute mehr öffentlich verfügbare Informationen zur Verfügung als jemals zuvor, um solche Veränderungen zumindest früher zu erkennen. Die Herausforderung besteht darin, Daten automatisiert sinnvoll miteinander zu verbinden und anschließend zu herauszuarbeiten, welche davon für das eigene Unternehmen tatsächlich relevant sind.
Bei der nächsten Lieferantenprüfung sollte man sich dann nicht nur fragen: »Ist dieser Lieferant sicher?« Sondern zusätzlich: »Würden wir es rechtzeitig merken, wenn er es nicht mehr ist?«
Blogreihe »Sicherheit neu denken, Resilienz stärken«Was macht Organisationen widerstandsfähig? Expertinnen und Experten des Fraunhofer IAO beleuchten in unserer Blogreihe anlässlich der Themenwochen »Sicherheit und Resilienz« aktuelle Herausforderungen von Cyberresilienz. Die Beiträge beleuchten OT- und Cybersicherheit, resiliente Lieferketten, die Resilienz des straßengebundenen Gütertransports, resiliente Investitionsentscheidungen, den Umgang mit Cybervorfällen sowie die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit von Kommunen.
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